Auf den Spuren meiner Highland Vampire, 6

Mein Handy hummelt. Zaghaft werfe ich einen Blick darauf. Mist! Meine magischen Fähigkeiten sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Ich hatte so à la „und täglich grüßt das Murmeltier“ versucht, die Zeit anzuhalten… nix war es!
Wir haben den 12. Juni 2015!
Steffi und ich krabbeln aus dem riesigen und verdammt gemütlichen Bett im Garadh Buidhe. Heute ist Zugfahren angesagt, aber zuerst ein vernünftiges Frühstück. Vernünftig…?

"Kleines Frühstück" im Garadh Buide Guesthouse

„Kleines Frühstück“ im Garadh Buide Guesthouse

Jane und Michael haben ein Frühstücksbuffet aufgefahren, das seinesgleichen suchen muss. Full scottish breakfast!! Baked Beans, Rührei, Bacon, Pilze, Tomaten, frische Früchte (und sowas von lecker!), Müsli, Kaffee, Tee, Säfte, Croissants….kurz, wir werden satt 😉

Der Blick vom Frühstückstisch aus ist genauso einzigartig wie das Frühstück. Die unendlichen Weiten der Highlands bis hin zum majestätischen Ben Nevis, der uns noch immer seine Schneehaube präsentiert.

Gaby:“Michael, wo können wir denn in Fort William parken, ohne Ärger zu bekommen?“
Michael: „Auf dem Parkplatz von Lidl.“
Gaby: „Echt?“
Michael: „Klar, der ist eh nie voll.“
Jane: „Wenn wir weiter alle dort hin schicken, wird der auch noch voll.“
Michael: „Macht auch nichts, nehmen wir eben den nächsten für unsere Gäste.“

Wir fahren nach Fort William (auf den Lidl-Parkplatz) und laufen zum Bahnhof. Der Zug ist schon da. Der berühmte Harry Potter Zug zieht die Massen an wie Honig die Wespen. Der arme Lokführer wird grob geschätzt 500 mal fotografiert und von ebenso vielen Kerlen an die mehr oder weniger breite Brust gedrückt. Er sieht ein klein wenig verzweifelt aus. Wir entschließen uns dazu, uns nicht mit ihm fotografieren zu lassen – wir wollen ihn ja nicht aus dem Konzept bringen :-)

"The Jacobite", 2015

„The Jacobite“, 2015

Drin finden wir rasch unseren Platz, gegenüber einem britischen Ehepaar, die das Ganze als eine Art „Liebesreise-Erinnerungstour“ durchziehen. Absolut bezaubernd!

Die Fahrt mit dem Harry Potter Zug.

Nun ja. Der Prospekt sagt: Unbeschreibliche herrliche Landschaften erwarten Sie. Stimmt! Einziges Problem: Kaum kommt ein atemberaubender Ausblick in Sicht und wir zücken unsere Kameras – schwupps – schon sind wieder dicke Baumstämme vor dem Fenster. Fast die komplette Strecke ist mit hohem Baumbewuchs am Bahndamm zugewuchert. Traumhafter Blick??
Geflügelte Worte an diesem Tag: „Oh, Bäume!“ oder wahlweise: „Oh, Steine (Tunnel)“
Wenn ihr mich fragt, ob ich die Fahrt noch einmal machen würde: Nein. Einmal war okay, aber wenn ihr wirklich die Schönheit dieser irrwitzig genialen Landschaft sehen wollt, dann mietet euch ein (robustes *hüstel*) Auto und fahrt auf eigene Faust los.

Schusselige Zauberschüler. Tatsächlich den Besen vergessen!

Schusselige Zauberschüler. Tatsächlich den Besen vergessen!

Die Fahrt geht nach Mallaig, ganz oben an der Küste.
Jane:“Mal im Ernst, außer dem Zug gibt’s da nichts. So gar nichts.“
So ganz stimmt das nicht. Wenn man – so wie wir – einfach Land und Leute kennenlernen will, dann hat auch Mallaig was. Der Hafen ist rau aber herzlich – die Menschen ebenso. Wir finden die „Black Pearl“ im Trockendock, wir sehen einen einsamen Seehund und gut gelaunte Fischer. Mit der Kamera halten wir einfach drauf und bekommen sehr schöne, stimmungsvolle Bilder.

 

Steffi friert!!

Wir packen ein und laufen ein wenig die kleinen Straßen entlang, groß ist Mallaig nicht aber es gibt eine Apotheke! Endlich komme ich dazu, mir die heiß ersehnten Augentropfen zu kaufen. Da ich neugierig bin, frage ich die Dame auch gleich, wo man hier einen guten Tee und Homemade Bakery bekommt. Die grinst ein bisschen und meint:

„Also wenn ihr das wirklich wollt, dann geht doch runter, um die Ecke in die „Seamans Mission“ da wird alles frisch gebacken.“
Als wir ankamen, liefen alle Fahrgäste sofort in zwei moderne Panorama-Cafés. Nicht so Steffi und Gaby! Die laufen zielstrebig in die Anlaufstelle für die Fischer Mallaigs. Plastiktischdecken, Plastikstühle, 70ger-Jahre Tische…. und die weltbesten Scones, noch warm, riesig, mit einer Kanne heißem Tee, clotted cream und hausgemachter Erdbeermarmelade.

Seamans Mission, 2015

Seamans Mission, 2015

Dazu noch eine ganze Menge Ambiente, wie grinsende Fischer in Gummistiefeln. Total cool!! Wieder mal was richtig gemacht.

Auf der Rückfahrt genießen wir einfach nur die Fahrt, klönen und reißen doofe Witze..was wir ziemlich perfektioniert haben. Wieder in Fort William fallen wir bei Tesco ein und plündern die Frischsalat-Theke. Die Schotten haben ja keine Vorstellung davon, wie viel Salate in eine Box mit dem belanglosen Namen „Medium-Size“ passen. Steffi, der Verpackungsprofi!!!

 

Auf unserem Rückweg liegt ein sehr eindrucksvolles Schloss, bzw. das was noch davon übrig ist. Aber auch die Ruinen bergen einen unbeschreiblichen Zauber.

"Inverloki"-Castle (Re-naming Scotland, 2015)

„Inverloki“-Castle (Re-naming Scotland, 2015)

Das wundervolle Gemäuer trägt den Namen „Inverlochy Castle“. Tststs! Wir fotografieren, filmen und lassen uns von dem uralten Schloss inspirieren. Als wir von „Inver-Loki-Castle“ (ihr erinnert euch? Re-naming Scotland???) aufbrechen sehen wir dunkle Wolken am Horizont. Nicht gut! Gar nicht gut!! Heute müssen wir am Ufer des Flusses hinter unserem Guesthouse einen Werbespot für Freunde (Beerenweine) drehen – und das bitte nicht im Regen! Die single-track-road fahr ich mittlerweile mit 40 Meilen die Stunde, da kenn ich nix!

Wir bringen unser Zeug aufs Zimmer, schnappen uns die Video-Kamera und Steffis Abendkleid und ab geht’s ans Ufer. Ausgerechnet heute angeln gleich zwei Fischer dort unten und ein einsamer Mann steht auf einer Insel im Fluss inmitten von Hunderten, lila Lupinien. Steffi zögert, doch die Zeit drängt und Gaby auch, also beißt Steffi in den sauren Apfel, entblättert sich und schlüpft in ihr Seidenabendkleid. Steffi spielt in einer oscarverdächtigen Darbietung die Elfe und das gleich zwei Mal. Sehr, sehr genial! Auch genial, der Kerl auf der Insel, der so unauffällig wie möglich den „Himmel“ *hust* betrachtet und dabei verträumt eine Lupinie zerlegt. *Ich schwimm rüber, ich schwimm nicht rüber, ich schwimm rüber, ich schwimm nicht rüber…* während er noch das Lupinienorakel befragt, zieht Steffi sich in Windeseile um und wir marschieren zurück zum Haus. Hätte er mal Gänseblümchen genommen – dumm gelaufen!
Unser Tesco-Dinner, bestehend aus dem groben Kilo Salat von Steffi, CousCous Salat mit Huhn, Sandwiches und ..na…genau Irn Bru… dürfen wir auf Janes und Michaels Terrasse essen. Wir sind sonst ja echt Labertaschen, aber am frühen Abend, bei tiefstehender Sonne auf der einen Seite und einer dunklen Wolkenwand auf der anderen einen freien Blick auf die Highlands und die dahinter aufsteigende Bergkette zu haben – macht schlicht sprachlos!

Den Abend beschließt Steffi vor dem Laptop, in höchst interessanter Haltung und ich unter der Dusche. Steffi hat nach einer guten Stunde Glück und findet ein Bed & Breakfast für die nächste Nacht. Gut zu wissen, wo man schlafen wird. Und schlafen muss ich, denn die Tour die morgen ansteht, hat es in sich.

Ich konnte noch nicht ahnen, wie sehr sie es in sich hatte.